Als Kind hörte ich manchmal, wie man sich über deutsche Auswanderer lustig machte, die nach vielen Jahren wieder auf Deutschlandbesuch kamen und deren Muttersprache plötzlich mit einem Akzent belegt oder von falschen Präpositionen gekennzeichnet war. Natürlich habe ich als Kind sofort geglaubt, dass das Sprachverhalten dieser Menschen von Welt ausschließlich theatralische Arroganz uns Dörflern gegenüber gewesen sein muss, obwohl meine kleinen Ohren es ehrlich gesagt auch faszinierend fanden, diesen Hauch von Exotik.
Heute, nach zahllosen falsch gesagten Wörtern und Sätzen in fremden Sprachen, manchmal schallendes Gelächter auslösend, manchmal betretenes Wegsehen, doch immer dieses Gefühl leicht peinlicher Unsicherheit hinterlassend, bin ich gnädig geworden allen gegenüber, die sich mit fremden Sprachen herumschlagen müssen. Ich bewundere meine ausländischen Kollegen in Kipfenberg, beim Steinmüller und anderswo, die Deutsch gelernt haben. Manchmal, wenn ich mein deutsches Bier im Garten trinke, stoße ich im Geiste auf jeden Akkusativ feminin Singular oder auf jedes Verb im Präteritum Konjunktiv II dritte Person Plural an, an denen Ihr Euch die Zähne ausbeißt, während mein Gerstensaft mir ebenso problemlos und glatt durch die Kehle geht wie meistens auch die deutsche Grammatik. Ihr seid Helden. Und ich bin dankbar, wenn andere mit mir so ebenso gnädig umgehen wie zum Beispiel Juliana, die mir jüngst lachend eröffnete, dass ich in einem einizgen Satz drei Sprachen benutzt haben soll, ohne es gemerkt zu haben.
Besonders merke ich es an unseren Kindern. Ein ganzes Drittel unseres Nachwuchses hat nie eine deutsche Schule von innen gesehen. Deren erste Sprache ist Englisch geworden und manchmal brauchte es Jahre, ihnen beizubringen, dass es nicht "der ganze Zeit" heißt und dass man auch kein "Foto nimmt", wenn man eigentlich eins machen will. Umso erfreulicher ist es deswegen zu sehen, dass das erste Drittel des Nachwuchses nun einen deutschen Zettel in den Händen halten kann. Nicht irgendein Blatt Papier, nein. Es ist ein deutsches Amtsdokument, welches behördlich die Beherrschung der deutschen Sprache auf einem Niveau bescheinigt, das zur Einschreibung an deutschen Universitäten erforderlich ist. Mit einer solchen Urkunde in den Händen darf man wohl zu Recht erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
Ich glaube, alles, was ich mit diesem langen Post eigentlich nur sagen will, ist: Ich bin stolz auf Dich, mein Sohn. Warum? Nun, die Erklärung dazu konnte ein amerikanischer Schriftsteller ganz offensichtlich in viel deutlichere Worte fassen als ich selbst. Ihm überlasse ich deswegen also gerne den Abschluss dieses Textes:
„Es gibt zehn Wortarten, und alle zehn machen Ärger. Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine erhabene, eindrucksvolle Kuriosität; er nimmt ein Viertel einer Spalte ein; er enthält sämtliche zehn Wortarten – nicht in ordentlicher Reihenfolge, sondern durcheinander; … er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Themen, von denen jedes in seine eigene Parenthese eingeschlossen ist … schließlich werden alle diese Parenthesen und Überparenthesen in einer Hauptparenthese zusammengefasst, die in der ersten Zeile des majestätischen Satzes anfängt und in der Mitte seiner letzten Zeile aufhört – und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war; und nach dem Verb hängt der Verfasser noch „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ oder etwas dergleichen an – rein zur Verzierung, soweit ich das ergründen konnte –, und das Monument ist fertig. Ich nehme an, dieses abschließende Hurra ist so etwas wie der Schnörkel an einer Unterschrift – nicht notwendig, aber hübsch.“
Aus: Mark Twain: Die schreckliche Deutsche Sprache
Heute, nach zahllosen falsch gesagten Wörtern und Sätzen in fremden Sprachen, manchmal schallendes Gelächter auslösend, manchmal betretenes Wegsehen, doch immer dieses Gefühl leicht peinlicher Unsicherheit hinterlassend, bin ich gnädig geworden allen gegenüber, die sich mit fremden Sprachen herumschlagen müssen. Ich bewundere meine ausländischen Kollegen in Kipfenberg, beim Steinmüller und anderswo, die Deutsch gelernt haben. Manchmal, wenn ich mein deutsches Bier im Garten trinke, stoße ich im Geiste auf jeden Akkusativ feminin Singular oder auf jedes Verb im Präteritum Konjunktiv II dritte Person Plural an, an denen Ihr Euch die Zähne ausbeißt, während mein Gerstensaft mir ebenso problemlos und glatt durch die Kehle geht wie meistens auch die deutsche Grammatik. Ihr seid Helden. Und ich bin dankbar, wenn andere mit mir so ebenso gnädig umgehen wie zum Beispiel Juliana, die mir jüngst lachend eröffnete, dass ich in einem einizgen Satz drei Sprachen benutzt haben soll, ohne es gemerkt zu haben.
Besonders merke ich es an unseren Kindern. Ein ganzes Drittel unseres Nachwuchses hat nie eine deutsche Schule von innen gesehen. Deren erste Sprache ist Englisch geworden und manchmal brauchte es Jahre, ihnen beizubringen, dass es nicht "der ganze Zeit" heißt und dass man auch kein "Foto nimmt", wenn man eigentlich eins machen will. Umso erfreulicher ist es deswegen zu sehen, dass das erste Drittel des Nachwuchses nun einen deutschen Zettel in den Händen halten kann. Nicht irgendein Blatt Papier, nein. Es ist ein deutsches Amtsdokument, welches behördlich die Beherrschung der deutschen Sprache auf einem Niveau bescheinigt, das zur Einschreibung an deutschen Universitäten erforderlich ist. Mit einer solchen Urkunde in den Händen darf man wohl zu Recht erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
Ich glaube, alles, was ich mit diesem langen Post eigentlich nur sagen will, ist: Ich bin stolz auf Dich, mein Sohn. Warum? Nun, die Erklärung dazu konnte ein amerikanischer Schriftsteller ganz offensichtlich in viel deutlichere Worte fassen als ich selbst. Ihm überlasse ich deswegen also gerne den Abschluss dieses Textes:
„Es gibt zehn Wortarten, und alle zehn machen Ärger. Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine erhabene, eindrucksvolle Kuriosität; er nimmt ein Viertel einer Spalte ein; er enthält sämtliche zehn Wortarten – nicht in ordentlicher Reihenfolge, sondern durcheinander; … er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Themen, von denen jedes in seine eigene Parenthese eingeschlossen ist … schließlich werden alle diese Parenthesen und Überparenthesen in einer Hauptparenthese zusammengefasst, die in der ersten Zeile des majestätischen Satzes anfängt und in der Mitte seiner letzten Zeile aufhört – und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war; und nach dem Verb hängt der Verfasser noch „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ oder etwas dergleichen an – rein zur Verzierung, soweit ich das ergründen konnte –, und das Monument ist fertig. Ich nehme an, dieses abschließende Hurra ist so etwas wie der Schnörkel an einer Unterschrift – nicht notwendig, aber hübsch.“
Aus: Mark Twain: Die schreckliche Deutsche Sprache

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